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herbstchen in tapetenwechsel

Wie Staubfinger das Feuer fand 29


Titel: Wie Staubfinger das Feuer fand
Teil: 29 (von 37)
Autor: herbstchen
Fandom: die Tintenwelt
Spoiler: Tintenblut
Rating: G
Inhalt: In diesem Kapitel bekommt der Schwarze Prinz vom Schleierkauz etwas zu essen und ein Dach über’m Kopf.
Disclaimer: Die Tintenwelt, in der diese Geschichte spielt, und ihre Bewohner hat sich ein alter Mann namens Fenoglio ausgedacht, wenn man den Geschichten glauben kann. Dennoch verdient die gute Cornelia Funke an dessen Büchern und ich hier dran natürlich keinen Cent.





Wie Staubfinger das Feuer fand





Kapitel 29




Der Schwarze Prinz fand das Siechenhaus so vor, wie sie es vor Monaten zurückgelassen hatten: überfüllt, schlecht besetzt und am Meer. Die Spielgruppe war noch vor der Wintersonnenwende in der Nachtburg gewesen und da man aus der Nachtburg selten ohne ein paar ernstzunehmende Schürfungen herauskam, hatten sie beim Schleierkauz gehalten und für ein paar Tage verweilt.

Er war gelaufen seit jenem Abend, am Waldrand entlang, ohne ein Ziel. Eulen hatten geschrieen in der Nacht und er hatte plötzlich gewusst, dass seine Messer ihm auch nicht viel gegen wilde Tiere, Nachtmahre oder die Weißen Frauen helfen würden. Er hatte eingesehen, dass er irgendwo unterkommen musste. Und so war er gelaufen, bis er das Meer hatte hören können.

Eine der ersten Erinnerungen, die er hatte, war die von Staubfinger und ihm selbst am Strand. Eine junge Frau – vielleicht eine Tochter des Schleierkauzes, er wusste es nicht – warf ihnen einen Ball zu und spritzte sie nass. Der Schwarze Prinz erinnerte sich nicht an seine Mutter, nicht an seinen Vater. Er war nicht an diesem Strand geboren worden, aber er erinnerte sich an ihn, an diese Frau ohne Namen und an Staubfinger.

„Ich frage mich seit damals, ob es so gut war, euch dem Bunten Volk mitzugeben“, erzählte der Schleierkauz, als der Schwarze Prinz in der Nacht angekommen war und gierig seinen leeren Magen gefüllt hatte. „Aber wo sollte ich mit euch beiden hin? Bei den Spielleuten habt ihr Kleidung bekommen, normalerweise auch etwas zu essen und gekümmert hat man sich auch um euch, was ich nie gekonnt hätte. Ein wenig mit euch spielen, ja, das konnten auch Leute mit einem gebrochenen Bein. Aber beim Bunten Volk gab es mehr zu sehen und zu lernen als bei mir. Kinder gibt’s da, hier sterben sie mir nur immer weg. Darum, mein junger Freund, sag mir, was machst du hier?“

Er hatte nicht geantwortet. Er hatte gekaut, getrunken und auf sein Essen geschaut, bis der Schleierkauz nicht mehr gefragt hatte.

Der Schwarze Prinz wusste, dass der Mann ihm deswegen nicht böse war und dennoch hatte er ein schlechtes Gewissen. Er wusste von Klingentanz, wie schlecht es um Staufinger und ihn gestanden hatte, als der Schleierkauz sie aufgegabelt hatte, und darum es kam ihm feige und undankbar vor, nichts zu sagen. Mit der Feigheit freundete er sich gerade an, aber nicht mit Undankbarkeit.

Wo etwas anfiel im Siechenhaus, machte sich der Schwarze Prinz nützlich. Er ließ sich von den Frauen, die sich um die Kranken und Aussätzigen kümmerten, zeigen, wie man Blut aus Verbänden herauswusch, legte Wickel an, zerstampfte unter Aufsicht Kräuter, füllte seltsame Flüssigkeiten in Flaschen und brachte Kranken ihr Essen. Mit ihnen war er bald per du, auch wenn ihn auch einige misstrauisch beäugten, wenn er ihnen den Suppenlöffel unter die Nase hielt. Er beteuerte, dass selbst wenn er wollte, nicht in der Lage dazu war, ihnen Gift ins Essen zu mischen, denn Kräuterhacken fand er langweilig. Einen älteren Händler mit nimmer aufhörenden Bauchschmerzen hatte er seitdem nicht mehr besuchen dürfen, alle anderen hatten herzlich gelacht.

Am vierten Tag nach seiner Ankunft kamen Spielleute zum Schleierkauz. Der Patient war ein Tierbändiger namens Pantherfell und mitgebracht hatten sie außerdem den Grund der blutigen Fleischwunde des Mannes – einen mächtigen Braunbären. Zwei Maultiere zogen den wackeligen Käfig, in dem das Tier träge lag und zu schlafen schien, als der Schwarze Prinz es zum ersten Mal sah.

„Ein Monster!“, erklärte ihm nun Sommernacht, eine Tänzerin mit schwarzem, langem Haar, in dem Spangen steckten, die wie Sterne am Himmel funkelten. „Er hat Pantherfell angefallen! Einfach so!“

Der Schwarze Prinz lächelte nur. Tierdresseure waren bei ihnen im Lager ja fast so verschrien gewesen wie Staubfinger und seine ewigen Blasen an Fingern und Lippen. „Kein Wunder“, sagte Stella immer, wenn Fuchsschwanz bei ihr auf einem Schemel saß. „Kein Wunder, dass sie dich beißen, du Narr. Sie spüren Schmerz wie du und ich.“ Und Fuchsschwanz saß oft bei Stella. Doch gelernt hatte er daraus bisher nicht. Er peitschte seine Tiere zum Gehorsam – ein paar Ziegen, einen Fuchs, und seine Hunde. Und wenn sie ihm einmal das Genick brechen würden, sagte Stella immer. Dafür hätte sie dann allerdings keine Salbe.

„Ein widerwärtiges Biest“, bestätigte auch der Dresseur mit zusammengebissenen Zähnen, als der Schleierkauz seine Wunde nähte und der Schwarze Prinz ihm das Kraut zum Säubern der Wunde reichte.

„Ein Bär?“, fragte der Schleierkauz. „Ich habe noch nie von einem dressierten Bären gehört.“

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“, antwortete Pantherfell gereizt. Als der Schleierkauz jedoch wieder und wieder Nadeln durch seine Haut führte, konnte der Mann nur noch auf das Handtuch beißen, das der Schwarze Prinz ihm zwischen die Kiefer klemmte.

Am Abend dieses Tages saß der Schwarze Prinz nicht auf dem Bett, sondern am Lagerfeuer, das die Spielleute am Strand entzündet hatten. Ein Mann spielte auf einer Laute, ein junges Mädchen mit blondem Haar, das den Schwarzen Prinzen an Heuschrecke erinnerte, spielte verschlafen auf einer Flöte und der Junge war froh, einfach nur zuhören zu können. Die Spielleute redeten über ihr nächstes Ziel, die Nachtburg, zu der es von hier ja kein Tagesmarsch mehr war, und auch über Pantherfell und den Bären.

„Bis zum Natternkopf hätte er es nie und nimmer geschafft“, sagte ein Mann, den der Schwarze Prinz am Nachmittag hatte Fratzen schneiden sehen. „Nicht nach diesem Biss.“

„Ich bin dafür, dass wir das Tier zurück in den Weglosen Wald jagen, da wo es hergekommen ist“, meinte ein anderer.

„Töten sollten wir es! Es hat ihn angefallen!“

„Kein Wunder bei dem, was er tut. Seine Peitsche ist viel zu schnell.“

„Als würdest du dich mit Tieren auskennen...“

„Nein, aber man sieht ja was passiert!“

„Ach komm, zum ersten Mal...“

„Und nun liegt er im Siechenhaus! Seit ihr denn blind?“

So ging das eine ganze Weile und der Schwarze Prinz fühlte sich seltsam geborgen. Es war fast wie eine Geschichte, die Klingentanz am Lagerfeuer, beim Training, beim Essen oder in seinen Träumen erzählte.

„Und?“, fragte Sommernacht den Schwarzen Prinzen, als die Männer ihren Streit später beiseite geschoben hatten und selig bei Met und ihren Würfeln saßen.

„Wovon erholst du dich hier im Siechenhaus?“


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