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herbstchen in tapetenwechsel

Wie Staubfinger das Feuer fand 30


Titel: Wie Staubfinger das Feuer fand
Teil: 30 (von 37)
Autor: herbstchen
Fandom: die Tintenwelt
Spoiler: Tintenblut
Rating: G
Inhalt: In diesem Kapitel geht es um Selbstmitleid und Sorge.
Disclaimer: Die Tintenwelt, in der diese Geschichte spielt, und ihre Bewohner hat sich ein alter Mann namens Fenoglio ausgedacht, wenn man den Geschichten glauben kann. Dennoch verdient die gute Cornelia Funke an dessen Büchern und ich hier dran natürlich keinen Cent.





Wie Staubfinger das Feuer fand





Kapitel 30




Hätte Klingentanz den Priestern geglaubt, die von dem einen Gott erzählten und vom Ende der Welt, hätte er gesagt, es wäre am Markttag über sie gekommen. Er konnte sich nicht mehr an vieles erinnern, doch aber an Schreie aus der Menge und das Feuer, das um Staubfinger herum brannte und tanzte und versuchte, auch an all den anderen Menschen zu lecken. Der Flammenfuchs hatte dem Jungen, der ganz außer sich gewesen war, Einhalt geboten. Aber dennoch war Panik ausgebrochen, die Menschen waren vor dem Feuer davon gelaufen – und Staubfinger mit ihnen.

Klingentanz wusste nicht, was wirklich passiert war: ob das Feuer verhext gewesen war, ob die Flammen wirklich so hoch und grauselig gewesen waren, wie er sie jetzt, einen Tag nach den Geschehnissen vor Augen hatte, und ob er selbst, der Flammenfuchs oder Staubfinger dieses Unglück hätten verhindern können. Er wusste nichts, wusste nicht, ob sie nicht schon gut daran täten, das Lager abzubauen und in den Süden zu fliehen, um auf ewig auf den Ländereien des Natterkopfes zu herumzuziehen. Der Speckfürst würde sie sicher alle am Galgen sehen wollen. Storchenbein war auf der Burg, inoffiziell. Die Menschen in Ombra hatten Angst, waren verzweifelt und Klingentanz wartete eigentlich nur auf den ersten, der den Verstand verlor und sie alle mit Fackeln und Mistgabeln verscheuchen würde. Stella und ein paar der anderen Frauen waren dennoch in Ombra und halfen, die Verletzten zu versorgen.

Und Klingentanz war nicht gegangen. Er war nur daneben gestanden, als sein Freund sich sein Bündel über die Schulter geworfen hatte. Er könne nicht mit ihm kommen, hatte Klingentanz gesagt, und dass es ihm leid tue. Der Flammenfuchs hatte ihn einen Moment lang ausdruckslos angesehen, wie er jeden ansah, der mit ihm über das Lager sprach, über sein Feuer, das nur er verstand, und über Geld.

„Es muss dir nicht leid tun, wenn du nicht vergisst, dass du immer nachkommen kannst“, hatte sein Freund geantwortet und Klingentanz zur Erinnerung eine Muschel in die Hand gelegt. Er war nicht mit dem Flammenfuchs übers Meer gegangen an jenem Abend. Dafür war der Schwarze Prinz fortgelaufen.

Klingentanz interessierte es nicht, was der Schwarze Prinz getan hatte. Er hatte gestern Morgen zwar mit Federleicht gesprochen und nach Ricardo gesehen, der immerhin auch sein Schüler war, und wie alle anderen festgestellt, dass der Junge in nächster Zeit erst einmal keine Fackeln werfen würde. Die Schnitte schienen von den Messern des Schwarzen Prinzen zu stammen, denn sie sahen auf den ersten Blick genau danach aus, das gab Klingentanz zu. Wenn man aber genauer hinschaute, erkannte man auch die Angst, mit der diese Wunden geschnitten worden waren.

„Du gehst?“, hatte der Prinz gefragt und Klingentanz hatte ja gesagt. „Einfach so?“, hatte er gefragt und er hatte nicht geantwortet. „Ohne mich?“, hatte der Schwarze Prinz wissen wollen und Klingentanz hatte nur nicken können. Dann war er nach Ombra gegangen, um das letzte Mal das Met der Stadt zu trinken und zu vergessen, wie sehr er alles vermasselt hatte. Und dann war der Schwarze Prinz fort gewesen.

In den Weglosen Wald, über die Berge oder über’s Meer er gegangen – unerreichbar für jemanden, der sein Vertrauen missbraucht hatte – der andere Wälder hatte sehen wollen und fremde Weine hatte kosten wollen. Klingentanz hätte neue Farben entdecken können. Die Nacht soll dort ganz anders aussehen, wo der Flammenfuchs nun hinsegelte. Hier war sie nur schwarz.

Klingentanz saß stumm am Lagerfeuer, als Flickenfinger ihm ein Stück Brot und einen großen Becher des süßesten Honigweins reichte, den die Gruppe aufbewahrte. Sie legte ihm für einen Moment die Hand auf die Schulter, sah ihn an, sah, dass der Schwarze Prinz nicht wie sonst jeden Abend neben ihm saß, und lächelte für ihn. Dann ging sie zu Heuschrecke zurück, der sie eine Decke über die Schultern legte. Sie hatte seit gestern nur so da gesessen, daneben, fein herausgeputzt für den Markt, aber kein Wort war mehr über ihre Lippen gekommen. Klingentanz hatte sie weinen sehen, doch er würde nicht weinen, hatte er sich geschworen. Sein Schiff war ohne ihn davon gefahren und der Schwarze Prinz war davon gelaufen, aber auch das würde er irgendwie überstehen. Irgendwie.

„Erzähl mir eine Geschichte“, sagte plötzlich jemand. Wolkentänzer hatte neben ihm Platz genommen und ihm eine Decke in den Schoß gelegt. Auch er hielt sich an einem Becher Met fest und starrte ins Feuer, als sähe er wie Klingentanz darin die Sonne auf- und untergehen und alle unbestrittenen Wege vor ihnen ausgebreitet. Doch Klingentanz wusste, dass dem nicht so war und dass Wolkentänzer etwas völlig anderes in den Flammen sah.

„Warum?“, fragte er deshalb.

„Weil die Kinder sich nicht trauen, dich zu fragen, aber jeder eine hören will“, antwortete Wolkentänzer.

„Und was für eine willst du hören?“

„Erzähl uns von Zuhause.“

Ja, von wo auch sonst?


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