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herbstchen in tapetenwechsel

Wie Staubfinger das Feuer fand 32


Titel: Wie Staubfinger das Feuer fand
Teil: 32 (von 37)
Autor: herbstchen
Fandom: die Tintenwelt
Spoiler: Tintenblut
Rating: G
Inhalt: In diesem Kapitel geht es um geschlagene Tiere.
Disclaimer: Die Tintenwelt, in der diese Geschichte spielt, und ihre Bewohner hat sich ein alter Mann namens Fenoglio ausgedacht, wenn man den Geschichten glauben kann. Dennoch verdient die gute Cornelia Funke an dessen Büchern und ich hier dran natürlich keinen Cent.





Wie Staubfinger das Feuer fand





Kapitel 32




Drei Tage, nachdem die Gauklergruppe zum Schleierkauz gekommen waren, war Pantherfell auch schon wieder auf den Beinen. Im Innenhof des Siechenhauses war ein kleines Gehege abgesteckt, in dem die dressierten und nicht dressierten Tiere der Gruppe miteinander aus Futtertrögen fraßen. Pantherfell jedoch stand vor dem Käfig mit dem Braunbären, dem er seine Verletzung zu verdanken hatte. Der Dresseur war groß, bemerkte der Schwarze Prinz jetzt, wo er ihn nicht in einem Bett liegend sah, und auch die Schlinge, die seinen verletzten Arm in Position hielt, nahm ihm nichts von seiner Ausstrahlung. Diesen Mann konnte sich der Schwarze Prinz gut als Anführer einer Spielgruppe vorstellen. Er sah so aus, als würden sich Menschen danach richten, was er sagte.

Storchenbein war auch ein Mann, nach dessen Worten sich die Spielleute richteten. Er war nicht groß, er lief auf den Märkten auf Stelzen mit den Schauspielern und trug die buntesten Stoffe, die Flickenfinger ihm zusammennähen konnte. Er war etwas älter als Wolkentänzer, doch es gab noch ältere erfahrenere und stärkere Gaukler im Lager. Dennoch war es, seit der Schwarze Prinz vor gut zehn Jahren dazu gestoßen war, immer Storchenbein gewesen. Klingentanz hatte einmal gesagt, man hätte ihm das Alter eben schon in der Wiege angesehen.

Klingentanz. Er musste wegen seiner Messer auch mit Storchenbein gesprochen haben, dachte der Schwarze Prinz. Er musste ihn gefragt haben. Und nun war Klingentanz gegangen.

Der Schwarze Prinz wollte nicht dran denken. Er hatte die ganzen letzten Tage Mühe gehabt, nicht an seine Messer zu denken, die gut verschnürt in einem Lederbeutel unter dem Bett in seinem Zimmer lagen. Wenn er Kräuter stampfte oder die Gänge in den Krankenflügeln fegte, dachte er an Kräuter und an Staub, aber in der Mittagszeit, wenn er gegessen hatte und das ganze Haus sich eine Pause nahm, da musste er an den Abend denken, an dem er Ricardo verletzt hatte und weggelaufen war.

Weglaufen war das einzige Sinnvolle gewesen, das fand er auch jetzt noch, obwohl er nun Zeit gehabt hatte, über Dinge nachzudenken, die er ebenso hätte tun können. Worüber er aber noch mit sich kämpfte, war der Gedanke, dass es gar nicht erst zu dem Streit zwischen Ricardo und ihm hätte kommen müssen.

Wäre er selbst nicht so verwirrt und ängstlich gewesen, hätte er sich nicht so verraten gefühlt, dann hätte er Ricardo einfach überhört an jenem Abend. Er wusste, wie man Dinge überhörte; Klingentanz machte das ständig. Im Lager wurde immer geschwätzt und schämen taten sich wenige, wenn das Thema ihres Geschwätzes nur wenige Meter von ihnen entfernt stand. Messerwerfer, Räuber, Meuchelmörder – was sein Lehrer schon alles hatte hören müssen, und er war doch immer ruhig geblieben. Manchmal hatte er sogar gelächelt. Den Schwarzen Prinzen dagegen hatte er oft beruhigen müssen, bis er begann zu lernen, öfter mal einfach wegzuhören.

Aber so war es nicht gekommen. Er hatte Ricardo verletzt und Klingentanz eine furchtbare letzte Erinnerung hinterlassen. Klingentanz würde nun ewig enttäuscht von ihm sein.

„Hey du! Bring mir mal die Peitsche!“

Der Schwarze Prinz schreckte hoch, als Pantherfell ihn ansprach.

„Ja du! Sie ist in einem der Säcke“, rief er ihm zu und der Schwarze Prinz stand wie von selbst auf, dankbar für die Arbeit. Er wühlte in den Säcken, in denen Kleider, abgelaufene Schuhe und Musikinstrumente verstaut waren, und reichte Panterfell eine Peitsche, die der Mann locker in die Hand seines unverletzten Armes nahm.

„Und sieh mich gefälligst nicht so an, als wolltest du sagen, dass es noch zu früh ist“, sagte der Mann geschäftig und schritt vor dem Gitter des Bärenkäfigs auf und ab. „Ich weiß, was dieser Bär braucht. Er braucht dringend eine starke Hand und die soll er kriegen.“

Der Bär, der mit geschlossenen Augen und dem Kopf auf den Tatzen auf dem Boden des Käfigs lag, sah gar nicht danach aus.

„Das traut der sich nicht noch einmal“, sagte Pantherfell und machte sich an dem Schloss des Käfigs zu schaffen.

„Warte doch lieber noch einmal ein paar Tage. Das kann nicht schaden“, riet ihm ein Spielmann aus seiner Gruppe, der hinzugetreten war. Er sah noch ein wenig verschlafen, aber dennoch angemessen besorgt aus.

„Dieser Bär soll nicht einen Tag länger denken, dass er so mit mir umspringen kann“, erwiderte der Tierbändiger nur und drückte dem Schwarzen Prinzen das Schloss in die Hand. Der Junge hatte gar nicht gemerkt, dass der Mann schon in den Käfig getreten war und er selbst einfach daneben stand.

Den Bären schien das nicht im Geringsten zu stören. Er hob einmal kurz den Kopf und öffnete die Augen, als Pantherfell probeweise mit der Peitsche knallte. Noch blieb er aber liegen. Bewunderswert.

Der Schwarze Prinz erinnerte sich daran, wie Klingentanz einmal am Lagerfeuer erzählt hatte, wie Fuchsschwanz zu seinem Namen gekommen war. Er hatte einem wilden Fuchs das Tanzen beigebracht. „Auf zwei Beinen, wie die Tore, sind die beiden dann durch das Lager gesprungen! Fuchsschwanz vorneweg und der Fuchs konnte nichts anderes tun, als mitzukommen, hielt der Narr ihn doch an den Pfoten fest.“

Und gebissen hatte der Fuchs ihn natürlich irgendwann, weil Füchse eben nicht wie die Menschen auf zwei Beinen liefen. Das Tier hatte sich die regelmäßigen Fütterungen gut gefallen lassen – aber wie ein Menschdurch die Welt laufen? Es war klar, dass ihm das nicht gefallen würde. Trotzdem zog und zog Fuchsschwanz ihn und schlug mit der Peitsche, bis das Tier wieder auf seinen Hinterläufen stand und bis es nach ein paar Jahren eines Morgens gar nicht mehr aufgestanden war. Stella, so hatte Klingentanz gesagt, hatte sich gewundert, dass Fuchsschwanz sich von all den Bissen nicht die Tollwut geholt und seinem Lieblingstier nicht längst gefolgt war. Jetzt hielt sich der Tierbändiger nur noch Ziegen und Dachse.

Würde Pantherfell auch irgendwann von dem Bären ablassen? Erst nachdem er ihn zu Tode gepeitscht und mit ihm zur Belustigung der Stadt- und Spielleute auf der Nachtburg umher gesprungen war? Und da wunderte dieser Mann sich, dass das Tier einmal ausholte und nach ihm schlug? Eigentlich hatte Pantherfell für jeden Knall seiner Peitsche einen Hieb verdient.

„Hepp!“, rief der Mann, als er dem Bär bis auf zwei Meter näher kam. „Hepp! Tanz!“

ZACK! Die Peitsche knallte. Der Bär setzte sich langsam auf und sah Pantherfell an, als habe er noch nie einem Menschen gesehen. Vielleicht hielt der Bär Pantherfell aber auch nur für extrem mutig, sich ihm noch einmal zu nähern.

„Steh auf!“, brüllte der Mann im Käfig. „Steh auf! Steh auf!“ ZACK! „Steh auf!“ ZACK! „Steh AUF!“

Pantherfell kam dem Bären mit jedem Wort und gleich würde das Tier wieder nach ihm schlagen. Dieser Bär wollte kein Tanzbär sein. Dieser Bär sah wie einer der Schäferhunde aus, die zwar die Schafe anbellten, sich aber genauso gern und oft hinter den Ohren kraulen ließen. Ob das einem Bären auch gefiel? Wo kraulte man denn einen Bären?,Die Ohren waren so klein, fand der Schwarze Prinz, als er das große Tier genauer anschaute. Er hielt immer noch das Schloss des Käfigs in der Hand.

„Du tanzt, du tanzt du tanzt!“, schrie Pantherfell und schließlich traf die Peitsche den Bären doch. Das Tier brüllte und nachdem es für ein paar Sekunden zurückgewichen war, wuchtete es sich vorwärts, auf Pantherfell zu. Der Mann versuchte panisch, das Gebrüll des Bären zu übertönen, schwang seine Peitsche, konnte dem Tier aber nichts mehr entgegensetzen, als er mit dem Rücken zur Käfigtür stand. Mit einer Schnelligkeit, der der Bär nicht gewachsen war, schlüpfte Pantherfell aus dem Käfig, schloss die Tür und schob den Riegel mit Schloss davor. Das Holz des Käfigs knarrte gefährlich, als der Bär sich noch ein, zwei Mal gegen sein Gefängnis warf. Der Schwarze Prinz hatte überhaupt nicht gemerkt, wie Pantherfell ihm das Schloss aus den Händen gerissen hatte.

„Du bist aber auch zu gar nichts zu gebrauchen!“, schrie der Mann ihn an und einer der Spielleute erklärte Pantherfell erneut für verrückt, als der Prinz sich abwandte, um seine Messer wieder unter dem Bett hervorzuholen.



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