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herbstchen in tapetenwechsel

Wie Staubfinger das Feuer fand 33


Titel: Wie Staubfinger das Feuer fand
Teil: 33 (von 37)
Autor: herbstchen
Fandom: die Tintenwelt
Spoiler: Tintenblut
Rating: G
Inhalt: In diesem Kapitel spricht Heuschrecke mit den Mädchen, Klingentanz und denkt über den Rübenbauern nach.
Disclaimer: Die Tintenwelt, in der diese Geschichte spielt, und ihre Bewohner hat sich ein alter Mann namens Fenoglio ausgedacht, wenn man den Geschichten glauben kann. Dennoch verdient die gute Cornelia Funke an dessen Büchern und ich hier dran natürlich keinen Cent.





Wie Staubfinger das Feuer fand





Kapitel 33




„Er kommt zurück“, hatte Flickenfinger noch am gleichen Abend gesagt. Der Schwarze Prinz sei nicht für immer fortgelaufen, und Heuschrecke hatte ihr geglaubt. Einen Tag, vielleicht zwei würden sie auf ihn warten müssen. Er würde wiederkommen, wenn nicht mehr darüber geredet würde. Er sei nicht über’s Meer gesegelt, dahin, wo alle so aussahen wie er – wer erzähle denn solche Lügenmärchen? Klingentanz? Der würde wohl langsam alt werden, was?

Inzwischen hatte Flickenfinger sich auf eine Woche oder zwei korrigiert.

„Wart’s nur ab. Wenn er wieder richtig Hunger hat, kommt er aus dem Weglosen Wald gehuscht und rührt nie wieder Beeren und Wurzeln an, mein Wort drauf!“, versicherte sie. Dass der Weglose Wald seinen Namen nicht umsonst trug und dass dort schon mehr Menschen hineingelaufen als wieder herausgekommen waren, erwähnte sie nicht, während sie in ihrem Bottich neue Farbe anrührte.

„Und Staubfinger genauso“, fügte sie hinzu. „Die beiden sind vom selben Schlag.“ Und: „Hab noch ein paar Tage Geduld, Heuschrecke.“

Dann schickte Flickenfinger sie zu Stella, um ein paar Wurzeln abzugeben, die Flickenfinger bei ihrem morgendlichen Spaziergang gerupft hatte, und bekam ein Stück süßes Brot dafür.

Nach ihren Aufwärmübungen und geschätzten fünf Minuten auf dem Hochseil, fragte Heuschrecke sich, wer unkonzentrierter war: Wolkentänzer oder sie selbst.

„Zeig mir die Wendung bitte noch einmal, ich habe sie nicht genau gesehen“, sagte er ihr nun schon zum dritten Mal und seufzte.

„Und dann komm runter oder ich kann nicht mehr rechtzeitig springen und dich auffangen, wenn du runterfällst.“

Er ließ sie gehen – entschuldigte sich für zu wenig Schlaf und sagte, er würde sich noch einmal hinlegen – und dabei wusste sie doch nicht, wo sie noch hingehen sollte. Nirgendwo war Staubfinger, nirgendwo war der Schwarze Prinz und sie konnte nur warten. Sagte Klingentanz nicht immer, dass man nur dann wusste, wie ungeduldig man wirklich war, wenn man sehr lange warten musste?

„Wie geht es Tassia?“, fragte Heuschrecke die Mädchen, die sie vor einem Zelt sitzen sah. Lenja rückte ein Stück und Heuschrecke setzte sich zu ihr. Sara saß bei ihr und putzte ihre Flöte. Tassia, die sonst immer bei den zwei Mädchen saß, die immer tanzte, wenn sie spielten, war nicht bei ihnen. Das Feuer, das Staubfinger losgelassen hatte, hatte auch nach ihr gegriffen auf dem Markt.

„Stella sagt, sie hat Glück gehabt“, antwortete Lenja. „Ihr Rock hat zwar Feuer gefangen, aber aus dem kam sie früher raus, als Bruno zum Beispiel aus seinen Hosen.“

Bruno war Schauspieler und mimte häufig den Hanswurst auf Märkten und Festen. Heuschrecke hatte er noch manches Mal die Hand gehalten, als sie begonnen hatte, auf dem Hochseil zu laufen.

„Der ist noch in Ombra. Tassia liegt bei Stella im Zelt. Sie braucht Ruhe. Stella sagt, die haben in Ombra Heiler“, erklärte Lenja und griff nach einer Näharbeit, die vor ihr lag. Heuschrecke hätte am liebsten auch etwas in den Händen gehabt, aber ihre Taschen waren leer.

„So richtige?“, fragte Sara.

„Sagt Stella.“

„Wie unheimlich...“

„Ich bin froh, dass Tassia da nicht sein muss.“

Sie nickten.

„Wo Staubfinger wohl ist?, sagte Sara, „Der Arme stand da auch mittendrin im Feuer.“

Heuschrecke fragte sich, ob das denn normal war. Ihre Freundin lag auf dem Krankenbett, hatte Verbrennungen erlitten, wenn auch nur leichte, und Lenja und Sara schienen Staubfinger, dessen Schuld dies alles gewesen war, nicht böse zu sein. Das Chaos auf dem Markt, die Wachen, die sie aus der Stadt geschubst und geprügelt hatten, das Auftrittverbot, über das Storchenbein immer noch mit dem Speckfürsten sprach, wie sie von Flickenfinger wusste... All das schien den Mädchen gar nicht so klar zu sein.

Heuschrecke selbst konnte auch nicht richtig böse auf Staubfinger sein, denn er war ein guter Freund von ihr und wenn ihm manchmal seine Jonglierbälle auf den Kopf fielen, dann musste sie einfach immer wieder lachen. Aber genauso mochte sie es auch Tassia zuzusehen, wie sie ihr Röcke schwang und lachte beim Tanzen, einfach immer lachte. Sie mochte beide und fand, dass sie jeweils einen von beiden verraten würde, wenn sie mehr Mitgefühl für den jeweils anderen hatte. Aber Lenja und Sara kannten doch Staubfinger und seine Probleme mit dem Feuer nicht. Sie wussten nicht, dass es ihm selbst doch noch ganz anders wehtat, wenn er es nicht halten konnte. Wäre Heuschrecke an Lenjas oder Saras Stelle gewesen, wäre sie mächtig böse auf den Jungen gewesen, der ihre beste Freundin in Gefahr gebracht hatte.

„Ich mach’ mir auch Sorgen um ihn“, meinte Lenja dann. „Er ist schließlich in den Weglosen Wald hineingelaufen, oder? Und dabei hat er doch so toll Feuer gespuckt.“

Der Markttag, besonders Staubfinger und das Feuer dort, war einfach nur ein Albtraum gewesen. Heuschrecke war so schnell, wie sie es vermochte hatte, zum nächsten Dachfürst gelaufen und Wolkentänzer hatte ihr bedeutet, dort zu bleiben, dort sei sie sicher. Unter ihr war die Hölle losgebrochen, während sie auf dem Dach gesessen hatte.

„Und Ricardo?“, fragte Heuschrecke schließlich. Sie hatte ihn seit Tagen nicht mehr gesehen und hatte doch immer noch seine blutenden Hände vor Augen.

„Stella sagt, das dauert wohl noch ein paar Tage“, antwortete Sara. „Er kann wohl noch alle Finger bewegen. Federleicht ist überglücklich.“

„Ich näh ihm was“, gestand Lenja und hob den Stoff hoch, der vielleicht einmal eine Tasche oder eine Decke werden sollte, damit Heuschrecke ihn sehen konnte.

„Und stinksauer ist sie auch“, fügte das Mädchen betrübt hinzu. „Wenn der Prinz sich noch einmal hierher traut, sagt sie, zieht sie ihm das Fell über die Ohren.“

Das war zu erwarten. Wenn er je wiederkommen würde...

„Er ist schon so lange weg“, sagte Lenja und sah Heuschrecke lange an, die nicht wusste, was das sollte.

„Ach Quatsch, nur ein paar Tage“, erwiderte sie.

„Aber doof ist es trotzdem“, meinte Sara, setzte ihre Flöte an die Lippen und blies einmal so kräftig hinein, dass die Mädchen sich die Ohren zuhalten mussten.

„Wenn er wiederkommt, bekommt er einen Kuss von mir“, erklärte sie dann und grinste. „Ich meine, in den Weglosen Wald! Das ist doch stark. Das macht nicht jeder! Ritter bekommen schließlich auch Küsse, wenn sie eine Prinzessin retten oder einen Drachen besiegen! Warum soll er keinen kriegen?“

Lenja kicherte, sah angestrengt nur auf ihr Nähzeug und sagte: „Ja, von mir bekommt er auch einen.“

Heuschrecke wunderte sich für einen Moment, ob sie die Mädchen nicht so schnell wie möglich zu Stella schicken sollte. Sie besann sich aber, sagte, sie hätte Küchendienst, und verabschiedete sich von den kichernden Mädchen. Doofe Hühner...

Nach ein paar planlosen Runden durch das Lager, an Stellas, an Flickenfingers Zelt vorbei, blieb Heuschrecke an Klingentanz’ Zelt stehen.

Einen Moment lang kam sie sich seltsam vor – sie stand vor dem mit Tuch verhängten Eingang und lauschte. So etwas tat man nicht. Sie hörte nichts und sagte schließlich zögerlich seinen Namen. Und bekam keine Antwort.

Sie fand ihn schließlich am Lagerrand, wie er Messer warf. Blind, so wie der Schwarze Prinz es zuvor getan hatte. Nur, der Prinz hatte den Holzpfosten getroffen – Klingentanz dagegen schaffte es nicht einmal, den Holzpfosten mit seinen Messern auch nur zu berühren.

Er nickte ihr zu, lächelte, wie er immer lächelte, wenn er seine Schüler begrüßte. Doch Heuschrecke wollte heute nichts lernen.

„Was führt dich zu mir?“, fragte er, als er die Augen wieder einmal geschlossen hatte und sich auf den nächsten Wurf konzentrierte.

Heuschrecke wusste nicht ganz, warum sie nach Klingentanz Ausschau gehalten hatte, nachdem er nicht in seinem Zelt gewesen war. Im Lager schienen im Moment viele einfach eine Pause einzulegen, obwohl man nach dem Markt nicht allzu lange gebraucht hatte, die verdienten Münzen zu zählen. Lass die Menschen doch erst einmal wieder zur Ruhe kommen, hatte Flickenfinger ihr gesagt, und Heuschrecke hatte fast geantwortet: Und ich? Was ist mit meiner Ruhe?

„Warum hast du es uns nicht gesagt?“, fragte Heuschrecke Klingentanz darum plötzlich. „Warum hast du uns nicht gesagt, dass du mit dem Flammenfuchs gehen willst?“

Klingentanz warf. Das Messer landete einen Meter von dem Pfosten entfernt im Gras. Heuschrecke wunderte sich über ihre eigenen Worte.

„Ich bin noch hier“, antwortete Klingentanz langsam und drehte ihr den Kopf zu, um sie anzusehen. „Und das muss genügen.“ Er wandte sich wieder ab.

„Du wärst einfach gegangen“, hörte Heuschrecke sich sagen. „Einfach weg, mit dem Flammenfuchs, dem, hinter dem sie doch alle her sind. Was wäre aus Staubfinger geworden, aus Lenja, Tassia, Sara, Lena, Ronja, Kara, Johannes, was aus dem Schwarzen Prinzen?“ Und leise fügte sie schließlich an: „Was aus mir?“

Klingentanz’ Messer flog an seinem Ziel vorbei. Er setzte sich zu ihr ins Gras.

„Ich hätte euch nie vergessen. Nie“, sagte er. „Aber ich wäre gegangen. Vielleicht wirst du auch irgendwann gehen.“

Werde ich nicht, dachte Heuschrecke. Staubfinger und der Schwarze Prinz waren gegangen. So wie sie sich jetzt um sie sorgte, sollte sich nie jemand um sie sorgen müssen.

„Du hast ihn belogen“, sagte Heuschrecke. Den Schwarzen Prinzen.

Klingentanz schwieg.

Heuschrecke fühlte sich falsch an diesem Ort, fand, dass eigentlich der Schwarze Prinz diese Dinge sagen müsste – aber er war fort. Heuschrecke war hier. Und hatte sie nicht irgendwie auch ein Recht darauf? War sie nicht auch Klingentanz’ Schülerin? Hatte er ihr nicht gesagt, dass sie die Mundwinkel mal ein wenig nach oben ziehen sollte, wenn sie oben auf dem Seil daran dachte? Dass es niemanden schaden und dass sie das Gleichgewicht auch nicht verlieren würde, wenn sie beide Mundwinkel gleichzeitig bewegte?

„Jetzt bin ich hier und er ist fort“, antwortete Klingentanz. „Man könnte meinen, jemand hätte nur die Menschen vertauscht. Einer von uns beide hätte vielleicht gehen müssen. Hätte ich es nicht getan, wäre er es gewesen. Wie bei der Geschichte vom Rübenbauern.“

Der Rübenbauer stammte aus einer von Klingentanz’ Geschichten. Er hatte eine schlechte Ernte im letzten Winter und den davor gehabt, weil er entweder zu wenig Saat ausgestreut oder nicht genügend gedüngt hatte. Dann fand er eine Fee im Weglosen Wald, erschöpft und durstig. Nachdem er ihr ein Bett aus Ahornblättern gemacht und ihr Morgentau zu trinken gegeben hatte, sagte sie ihm gesagt, dass er sich zum Dank etwas von ihr wüschen könne.

„Alles?“, fragte der Bauer und die Fee nickte. „Du kannst das wirklich?“, fragte er und die Fee erwiderte: „Ja, mich hat der Tag und die Nacht geboren. Ich gebe dir, was du dir wünscht.“ „Dann möchte ich“, hatte der Bauer geantwortet, „dass meine Rüben diesen Sommer genug Wasser haben, damit meine Familie und ich im Winter keinen Hunger leiden müssen.“

Die Fee nickte, gesagt, so sei es denn, und der Sommer war warm gewesen und viele Pflanzen waren verdorrt. Aber nicht die Rüben auf dem Feld des Bauern, der sich um die durstige Fee gekümmert hatte an jenem Morgen.

„Am Ende kamen Käfer und der Bauer hatte einen weiteren Winter nicht genug Essen für seine Familie gehabt“, ergänzte Klingentanz Heuschreckes Gedanken. „Etwas Gutes hat es aber, dass der Prinz einen kleinen Ausflug gewagt hat und nicht ich. Er wird bald wiederkommen.“

Diesen Satz hatte Heuschrecke in den letzten Tagen viel zu oft gehört. Doch Klingentanz stand auf, reichte ihr eine Hand und lächelte. „Er macht sich wahrscheinlich sogar mehr Sorgen um dich als du dir um ihn. Allein deswegen wird er nicht lange fortbleiben.“

Heuschrecke fand, dass Klingentanz übertrieb. „Wegen mir soll er wiederkommen?“

„Natürlich wegen dir“, sagte Klingentanz und zwinkerte ihr zu. „Wegen wem denn sonst? Wegen mir etwa?“


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