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herbstchen in tapetenwechsel

Wie Staubfinger das Feuer fand 34


Titel: Wie Staubfinger das Feuer fand
Teil: 34 (von 37)
Autor: herbstchen
Fandom: die Tintenwelt
Spoiler: Tintenblut
Rating: G
Inhalt: Eine junge Wassernymphe erzählt...
Disclaimer: Die Tintenwelt, in der diese Geschichte spielt, und ihre Bewohner hat sich ein alter Mann namens Fenoglio ausgedacht, wenn man den Geschichten glauben kann. Dennoch verdient die gute Cornelia Funke an dessen Büchern und ich hier dran natürlich keinen Cent.





Wie Staubfinger das Feuer fand





Kapitel 34




Sie hatten nicht häufig Besuch und konnten nur annehmen, dass sie weit, weit im Verborgenen leben mussten, sodass sich nur wenige von ihnen an den letzten Menschen erinnern konnten, der sich zu ihrem See verirrt hatte. Sie teilten sich die Lichtung mit den Tieren des Waldes und mit den roten Elfen, die sie aber auch nur zu Gesicht bekamen, wenn die kleinen Biester nah am Uferrand nach Blütennektar suchten.

Einen Menschen bekam vielleicht eine von zehn Nymphen ihn ihrem Leben zu Gesicht und dabei wussten sie doch schon so einiges über diese Wesen. „Sie wollen den Himmel nicht sehen, wenn sie schlafen und Regen mögen sie auch nicht. Sie schwimmen nicht oder selten und tragen Blätter am Leib, weil ihnen kalt ist“, hatte eine der ältesten Nymphen mal erzählt. Woher sie das wusste? Oh, sie war einmal hinausgeschwommen!

Hinaus! Den Fluss entlang, zu dem großen See, auf dem Schiffe fuhren und an dessen Ufer so viel mehr Sand lag als bei ihnen zu Hause. Dann war sie einen anderen Fluss hinauf geschwommen, ein paar Tage, ein paar Nächte, und was sie gesehen hatte, was sie gesehen hatte! So viel Wunderbares, dass sie immer noch neue Geschichten erzählen konnte, obwohl sie diese Reise schon als junge Nymphe unternommen hatte, als sie gerade über die Flosse ihrer Mutter hinausgewachsen war.

Aber so einen Jungen hatte sie auch noch nicht gesehen, sagte sie der jüngsten, einer kleinen Nymphe mit hellblauen Schuppen und dünnem Haar. So sehen keine Menschenhände aus, hatte sie gemeint und die seltsamen, rauen Hände in ihre genommen. Der Mensch war zurückgezuckt und hatte geschrieen - zumindest in den Ohren der jungen Nymphen, die nur den Gesang der Vögel am Morgen kannten, die weit oben, weit von ihren Ohren entfernt, saßen und sich wohl von Menschen, Nymphen, Elfen und anderem Getier erzählten.

Der Mensch am Uferrand aber schrie in der Nacht, doch die alte Nymphe hatte die Zähne zusammengebissen und dem Jungen geholfen. „Menschen sind heiß“, hatte sie gesagt, „Nymphen sind kalt.“ Der junge Mensch war dann einfach eingeschlafen.

Am Morgen erwarteten ihn viele junge Nymphen, unter ihnen auch die allerjüngste, die von ihrer Mutter gesagt bekommen hatte: „Schwimm, einen Menschen siehst du so schnell nicht wieder! Sie tun nicht weh, sie sind nur laut.“

Doch dem Jungen lief nun Wasser die Wangen hinunter. Er saß am Ufer, bestaunte die alte Nymphe, die ihm wieder eine Hand aufgelegt hatte, und war laut, lauter als die Vögel in den Bäumen und die summenden roten Elfen in den Blumen.

„Er weint“, sagte die alte Nymphe und die jungen schreckten einen Flossenschlag zurück. „Er weint?“, fragten sie. „Die Menschen sind traurig, wenn sie weinen“, sagte die alte Nymphe und schloss kurz die Augen, um nachzudenken. Nach sehr langen Momenten sagte sie: „Wie wir, wenn eine von uns fortgeht, so muss er sich fühlen.“ Da kamen die jungen Nymphen ans Ufer geschwommen und wollten ihm auch etwas von ihrer Kälte abgeben, selbst die Jüngste, denn auch sie kannte das Gefühl. Für sie hatte das Wasser seine wunderschöne Farbe verloren, als sie eine Nymphe den See hatte verlassen sehen – damals, sie wusste nicht mehr genau, wann. Die Tage und Nächte waren farblos gewesen und wenn dieser Junge Farbe brauchte, vielleicht von ihren Händen, von so vielen Händen-

Doch da war er plötzlich aufgesprungen, fortgelaufen! „Wo will er hin?“, fragten sie sich und die Jüngste fand es nicht richtig, dass sie ihn gar nicht hatte anfassen können. Ob er so heiß war, wie die roten Elfen, die so stachen, wann immer sie in ihre Nähe kamen? Oder ob er kühler war?

„Er hat nicht aufgepasst“, sagte die Nymphe dann, als er plötzlich angerannt kam, auf der anderen Seite des Sees, laut, sehr laut, und ins Wasser sprang. „Kann er denn schwimmen“, fragten sie sich, „wo er doch gar keine Flosse hat?“ Sie schwammen zu ihm und er spuckte mit Wasser um sich, strampelte mit den Armen und den Beinen – so sagte die alte Nymphe – und schnappte heftig nach Luft. Die Luft vibrierte und auch die jüngste Nymphe hatte begriffen, dass es Zeit war, unterzutauchen. Die roten Elfen kamen. Sanft zogen die Nymphen an dem Jungen und baten ihn stumm, ihnen unter die Wasseroberfläche zu folgen.

Er gehorchte, wenn auch unruhig und auch nicht für lange. Der Junge strampelte und sie tauchten auf. Jetzt wollten die Nymphen ihn sich doch endlich einmal richtig anschauen. Er hatte rote Flecken im Gesicht, fast überall auf seiner entblößten Haut, und die jüngste Nymphe wusste wie sehr die Stiche - vor allem die auf den Wangen! - schmerzen mussten und beeilte sich darum, seine Schmerzen zu lindern.

Der Junge ließ sich die neugierigen Hände der Nymphenkinder für einige Augenblicke gefallen, wie ihre Flossen schlugen, um sie über der Wasseroberfläche zu halten, wie sie sein Haar kämmten und wie sie ihn in die Nase zwickten, die so viel größer war als ihre eigenen. Doch dann schob er ihre Hände vorsichtig aber bestimmt von sich und schwamm zum Ufer.

Die Nymphen wunderten sich. Er wird es doch wohl nicht noch einmal probieren, oder? Noch einmal zu den roten Elfen? Was will er von ihnen?

Als sie den Jungen das nächste Mal sahen, kam er nicht gelaufen, sondern so langsam zu ihnen, wie sie sich selbst im Wasser fortbewegten. Ein paar der hitzigen Elfen summten noch laut um ihn herum und er selbst schien tatsächlich, wenn auch leiser, aber mit ihnen mitzusingen. Selbst die älteste und erfahrenste Nymphe wusste nicht, was sie davon halten sollte. Der Junge ließ sich am Ufer nieder, summte immerfort und die roten Elfen verschwanden nach und nach, weil andere Blumen wohl interessanter und viel versprechender schienen als dieser Mensch.

Doch plötzlich wurde es laut, viel lauter, als die roten Elfen oder der Mensch allein hätte sein können, und viele der Nymphen tauchten erschreckt unter. Es wurde laut und es wurde hell, so viel heller als die Sonne, die durch das lichte Blätterdach der Bäume schien, und die Quelle war dieser Junge. Die Nymphen, die mutig gewesen waren und noch über die Wasseroberfläche schauen konnten, hatten sich zwar von dem Ufer und der seltsamen Sonne dort entfernt, aber sie konnten beobachten, wie der Junge den Mund aufriss, in den Lärm des Lichts mit einstimmte und sich schließlich auf den Boden warf. Und dieses Geräusch war, wenn man sich sehr anstrengte, zwar laut, aber nicht so schrill oder dröhnend wie das der Elfen oder das der Sonne selbst. Das Geräusch, die Meldodie, das Lied des Jungen, sein Lärm, der so anders klang, war irgendwie schön anzuhören.

Sie, die jüngste, war auch die erste, die zu ihm geschwommen kam, als die Sonne vom Ufer verschwunden war und er sich über die Wasseroberfläche beugte. Sein Gesicht war noch gerötet von einigen Stichen, aber durch ihre Hände und die all der anderen Nymphen würden sie ihm nicht mehr lange wehtun. Er streckte seine Hände aus und so wie er ihre Berührungen ohne Angst zuließ, schreckten auch sie nicht zurück, als er durch ihre Haare fuhr.

Dann erhob er sich und ließ sie dort am Ufer zurück. Er drehte sich noch ein paar Mal um, doch irgendwann war er hinter den Bäumen des Waldes verschwunden.

Vielleicht kommt er wieder, sagte die älteste zu den jungen Nymphen, die ihm am Uferrand auf ihn warteten, um ihn weiter zu betasten. Aber nicht so bald. Wenn ihr dennoch Geduld habt, sagte sie, wird es gar nicht so lange dauern. Wenn ihr nicht so viel an ihn denkt, dauert es gar nicht so lange. Doch noch für lange Zeit war dieser Junge und sein Licht das, woran viele junge Nymphen dachten – am Tag und in der Nacht, als es wieder dunkel wurde und das Leben im See wieder seinen gewohnten Gang ging.


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