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herbstchen in tapetenwechsel

Wie Staubfinger das Feuer fand 36


Titel: Wie Staubfinger das Feuer fand
Teil: 36 (von 37)
Autor: herbstchen
Fandom: die Tintenwelt
Spoiler: Tintenblut
Rating: G
Inhalt: Klingentanz und Wolkentänzer machen endlich wieder unterricht und jemand weiß ganz besonders gut Bescheid.
Disclaimer: Die Tintenwelt, in der diese Geschichte spielt, und ihre Bewohner hat sich ein alter Mann namens Fenoglio ausgedacht, wenn man den Geschichten glauben kann. Dennoch verdient die gute Cornelia Funke an dessen Büchern und ich hier dran natürlich keinen Cent.





Wie Staubfinger das Feuer fand


Kapitel 36




„Gerade“, wiederholte Klingentanz, „Gerade habe ich gesagt. Jens, Hannah und Klaas, ihr seht aus wie gefällte Bäume. Gefällte Bäume können die Leute auch in den Wäldern des Natternkopfes sehen! Und Ricardo, lass deine Arme nicht hängen! Denk an deine Muskeln, auch wenn deine Hand noch nicht heile ist.“

Die letzten Tage hatte Wolkentänzer es sich angewöhnt, sogar vor dem Frühstück nicht untätig zu sein –um einfach irgendetwas zu tun, wenn er schon nicht mehr schlafen konnte. Doch heute hatte ihn sein Freund schon beim Rasieren abgefangen. „Heute“, hatte Klingentanz gesagt, „heute machen wir mal wieder etwas zusammen.“ Die Kinder bräuchten es und sie selbst auch. Heute würden sie nach diesen Trauertagen wieder Unterricht machen.

„Und auf welchem Bein steht ihr?“, fragte Klingentanz, als er in dem Kreis umherging, den die Kinder gebildet hatten. „Auf welchem Bein steht ein Spielmann?“

Keinen Mucks sagten sie.

Wolkentänzer wusste nicht was diesen plötzlichen Wandel bei seinem Freund hervorgerufen hatte, aber er war dankbar dafür, dass das Leben langsam wieder seinen gewohnten Gang zu gehen schien. Flickenfinger sah nicht mehr täglich nach dem Messerwerfer, um sicherzugehen, dass er auch aß, und da war nicht nur Wolkentänzer froh drum – der ja das gleiche tat –, sondern auch Storchenbein. Die Kinder saßen nicht mehr putzend und flickend beieinander, sondern machten schon wieder Handstände und Purzelbäume. Und Klingentanz hatte das Messerwerfen mit geschlossenen Augen erst einmal sein gelassen und war wieder zu Wolkentänzer gekommen, um über die Vorräte und Wanderpläne für den kommenden Sommer zu reden.

„Auf dem linken?“, fragte Klingentanz. Er sah sich die Kinder an und verschränkte die Arme vor der Brust.

Sie warteten.

Stella fragte selbst Wolkentänzer jeden Morgen, der bei weitem nicht so freundliche Antworten gab, wie einige andere Menschen im Lager, ob er denn noch nichts von den Jungen gehört hätten. Zehn Tage war es jetzt vielleicht her, dass erst der Schwarze Prinz und dann Staubfinger verschwunden waren. „Nein“, hatte Klingentanz in den letzten Tagen immer mit einem Lächeln gesagt, „die Elfen haben uns noch keine Neuigkeiten von unseren beiden Landstreichern gebracht.“

Wolkentänzer konnte immer nur murren, vor allem vor dem Frühstück, wenn er eh nicht gerne sprach.

„Auf dem rechten?“, wollte Klingentanz wissen.

Ein Junge, John, schüttelte den Kopf, zweifelnd.

„Sondern?“

Wolkentänzer war sich sicher, dass sie nicht von wilden Tieren gefressen worden waren, wie manch böses Maul im Lager es ihnen wünschte. Er war froh, dass er sich nicht mehr an die dazugehörigen Gesichter erinnern konnte, denn sonst hätte er sich bestimmt irgendwann noch einmal vergessen. Wolkentänzer hatte es aufgegeben, sich den Kopf über eine gerechte Strafe für den Schwarzen Prinzen und Staubfinger zu zerbrechen. Er war mit sich übereingekommen, dass alle Schuld an dem trugen, was passiert war. Die Kinder, Klingentanz, der Flammenfuchs, Wolkentänzer selbst und auch die Jungen. Er wollte es vielleicht auch gar nicht mehr Schuld nennen..

Storchenbein war mit den Worten des Speckfürsten zurückgekehrt, dass die Leute in der Stadt erst einmal keinen Feuerspucker mehr sehen wollten, auch nicht am Galgen. Der Anführer der Spielleute hatte gesagt, dass Staubfinger ein paar Wochen Viehstall erwarteten, aber ansonsten schien er, wenn auch bedeckt, der gleichen Meinung wie Wolkentänzer und Klingentanz zu sein. Der Schwarze Prinz müsse sich entschuldigen, das verstände sich von selbst, aber Storchenbein habe keine Lust, sich auch noch für ihn eine gemeine Strafe auszudenken, denn da sei er noch nie gut drin gewesen.

„Wir warten“, dachte Wolkentänzer jeden Tag. Wenn er abends ihr Leben durch den Alkoholschleier betrachtete, wollte er fast sagen, sie bekämen langsam Übung darin. Erst der Flammenfuchs, jetzt der Schwarze Prinz und Staubfinger. „Dass das nicht zur Gewohnheit wird“, hatte auch Klingentanz schon so manches Mal gesagt.

„Ach, kommt schon! So schwer kann das doch nicht sein! Jetzt sagt mir nicht, ich hätte euch das noch nie erzählt... Das kann gar nicht sein! Wolkentänzer?“

„Sehr unwahrscheinlich“, antwortete er, erhob sich vom Boden und trat zu Klingentanz und den Kindern. Klingentanz stand vor der kleinen Lenja und als er ihr demonstrativ einen sanften Schubs gab, stand Wolkentänzer hinter ihr, um sie aufzufangen. Das Mädchen quiekte kurz, kicherte aber dann.

„Ich geb’s auf“, sagte Klingentanz irgendwann und fasste sich an den Kopf, als hätte er dort starke Schmerzen. Wolkentänzer und alle Kinder kannten diese Geste und was ihr folgte. Doch dieses Mal konnten sie sich nicht hinsetzen, wie sie es sonst taten, um Klingentanz erklären zu lassen, denn jemand anderes sprach.

„Ein Spielmann steht nicht nur auf einem Bein. Er steht auf beiden Beinen, sonst wirft ihn schon ein sanfter Frühlingswind um.“

Da stand ein Junge mit rotem Haar vor ihnen. Er sah sie an, als würde er seinen Mantel nach einer langen Reise gern niederlegen, aber als wusste nicht, ob noch ein Platz für ihn frei sei. Sie starrten Staubfinger für einige Momente an.

Endlich, endlich...

„Na, sieh an.“

Klingentanz war der erste, der sich wieder fing. „Wen haben wir denn da? Haben die Gespenster des Waldes dir doch noch den Weg zurück zugeflüstert?“

Staubfinger brachte ein kleines Lächeln zustande. Klingentanz lachte.

„Dir scheint die Reise ja ganz gut getan zu haben. Vergessen hast du nichts.“

Später, als sie die Unterrichtsstunde beendet hatten, nahm Wolkentänzer den Jungen in dem Arm, auch wenn dieser nicht wusste, wie ihm geschah, auch wenn Klingentanz Wolkentänzer damit schon fünf Minuten später aufzog. „Du wusstest doch, dass er wiederkommen würde“, sagte er und hatte doch selbst so viel Angst gehabt, wie wohl nur selten zuvor in seinem Leben.

Staufinger war sofort zu Storchenbein gelaufen, um zusammenhangslose Sätze zu sagen und letztendlich mit einem strengen Kopfnicken entlassen zu werden. Auch Flickenfinger hatte er schnell wieder Hallo gesagt und sich die zweite unfreiwillige Umarmung des Tages bei Heuschrecke abgeholt.

„Na endlich, na endlich!“, hatte auch sie gerufen, gelacht und ihm beinahe einen Kuss gegeben.

Der Junge war betrübt, als sie ihm erzählen mussten, dass der Schwarze Prinz noch nicht vor ihm zurückgekommen war, aber Klingentanz winkte ab.

„Dem werden die Waldelfen erzählen, dass du schon Stalldienst bis an dein Lebensende hast und für ihn nichts mehr bleibt und dann ist auch er spätestens in ein paar Tagen wieder hier“, sagte er Staubfinger, als sie am Abend am Feuer saßen. „Habt ihr euch nicht getroffen? Habt ihr nicht gemeinsam den Nymphen aufgelauert und ihnen ihre Herzen gebrochen?“

Staubfinger sah seinen Lehrer erschrocken an, Klingentanz lachte laut und auch Heuschrecke kicherte. „Keine Nymphen, keine gebrochenen Herzen?“, stichelte Klingentanz noch einmal , weil er es einfach endlich wieder konnte. Doch Staubfinger erwiderte nur nachdenklich: „Ich habe einen Bären gesehen.“

„Einen Bären?“, fragte Heuschrecke grinsend und gähnte gespielt. „Und?“

„Da muss ich ihr recht geben“, sagte selbst Wolkentänzer lächelnd, „Damit kannst du uns nicht lange unterhalten.“

Nun war es der Junge, der sie schelmisch ansah.

„Auch nicht, wenn er so groß wie ein Turm der Burg Ombras war und ein Stoffbündel im Maul hatte, dass gut einem Spielmann hätte gehören können? Auch nicht, wenn es gar nicht weit von hier gewesen ist?“

Klingentanz überlegte einen Moment, bis er dann entschieden den Kopf schüttelte.

„Nein, auch dann nicht. Ein Bär alleine macht noch keine gute Geschichte.“


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