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herbstchen in tapetenwechsel

Wie Staubfinger das Feuer fand 37


Titel: Wie Staubfinger das Feuer fand
Teil: 37 (von 37)
Autor: herbstchen
Fandom: die Tintenwelt
Spoiler: Tintenblut
Rating: G
Inhalt: In diesem Kapitel kehrt auch der letzte verlorene Sohn endlich zurück.
Disclaimer: Die Tintenwelt, in der diese Geschichte spielt, und ihre Bewohner hat sich ein alter Mann namens Fenoglio ausgedacht, wenn man den Geschichten glauben kann. Dennoch verdient die gute Cornelia Funke an dessen Büchern und ich hier dran natürlich keinen Cent.





Wie Staubfinger das Feuer fand


Kapitel 37




Als er den Waldrand verlassen und zurück ins Lager der Spielleute getreten war, war es Staubfinger so vorgekommen, als wäre er Jahre weg gewesen und nicht nur ein paar Tage. In diesen Tagen war seine Kleidung zerrissen und im Gesicht waren aus ein paar Bartstoppeln ein paar Haare geworden und das alles erschreckte die Menschen, die ihn begrüßten. Flickenfinger hatte ihm das bunte, kaputte Hemd über den Kopf gezogen und ihn höchstpersönlich zum Fluss gezerrt, damit er sich gründlich wusch. Nach vielen Schwüren, dass er es ordentlich machen würde, hatte sie ihn sich glücklicherweise auch selbst waschen lassen.

Heuschrecke hatte ihn zuerst auch nur angesehen, als sei er ein Fremder, und dann gesagt, dass ihn der Bart zu alt mache. Staubfinger hatte für einen Moment überlegt, doch Flickenfingers Warnung, überall ihn dort noch einmal persönlich zu waschen, wo noch Dreck lauern könnte, ließ Staubfinger sich dann doch rasieren. Auch die Zähne hatten ordentlich sauber sein müssen für die Schneiderin, als er zitternd zu ihr zurückkam, um ihr das eklig riechende Stück Seife zurückzubringen. Sie hatte ihn kurz inspiziert, Arme gehoben, die Nase gerümpft, ihm dann das Haar gekämmt und gelächelt, als er immer noch bibbernd vor ihr gestanden hatte.

Ob er auf etwas warte, hatte sie gefragt, ob ihm nicht etwas fehle und ob es nicht langsam an der Zeit sei. Und dann hatte sie ihm ein dunkelrotes Hemd gegeben, übergezogen und zugebunden.

"Dass du mit diesem sorgsamer umgehst als mit dem alten", hatte sie gesagt und Staubfinger hatte genickt und gestrahlt und sich dann tatsächlich getraut, die Frau zu umarmen. Etwas unbeholfen, ja, irgendwie waren da plötzlich auch noch ihre Arme, die er einplanen musste, aber mit diesem Hemd und seinem Feuer durfte und konnte er es endlich.

Im Lager gab es jedoch keine Nymphen. Nachdem er sich selbst einen Dummkopf genannt hatte, war Staubfinger noch einmal zu der Stelle des Flusses gegangen, an dem er schon einmal eine getroffen hatte. Doch wie erwartet, fand er dort keine Spur von ihr. Er wusste, dass er eigentlich für ganz Ombra, für die Leben der Kinder der Stadt und für die der Natternburg womöglich auch, genug Nymphen gesehen hatte, aber es betrübte ihn trotzdem.

Er war nicht lange an dem See gewesen, wo er gelernt hatte, dass Nymphen nur kalte, immer kalte Hände hatten, und wo er den Feuerelfen ihren Honig gestohlen hatte, aber dennoch hatte er sich bei seiner Wanderung durch den Weglosen Wald nicht so einsam gefühlt wie jetzt im Lager. Ihre wohltuende Kälte hatte ihn auf seinem Rückweg begleitet und selbst, wenn er das Feuer gerufen hatte, waren immer noch die Nymphen vor ihm gesessen, mit ihren großen Augen, wie sie dieses Wunder betrachteten, dass so lebendig vor seinen Füßen und zwischen seinen Beinen umher sprang wie ein junger Hund.

Wolkentänzer beobachtete Staubfinger und sein Feuer an jenem Morgen kritisch, als der Schwarze Prinz zurück ins Lager kam. Mit einem Bären. Während viele Spielleute schrieen und das Weite suchten, sagte eine Stimme in Staubfingers Kopf: „Na ja, mal schauen, wer gefährlicher ist von unseren beiden neuen Freunden.“

„Du glaubst nicht, was mir passiert ist!“, rief ihm sein Freund zu, als er Staubfinger begrüßte. Staubfinger konnte das diesen Satz nur wiederholen.

"Ich erzähle dir alles", sagte der Prinz ernst, "wenn ich mit Ricardo gesprochen habe."

Dann ließ er den Bären in Staubfingers Obhut. Er machte einen gemütlichen Eindruck. Immer mehr Spielleute kamen aus ihren Verstecken hervor, viele Kinder wollten den Bären streicheln und ihre Eltern ihn verjagen. Staubfinger fand, dass sich so ein Tier an der Seite gar nicht so schlecht anfühlte. Wenn es nach ihm ginge, müsste es aber kein Bär sein, ein zahmer Marder täte es auch schon. Aber erst einmal würde Staubfinger mit dem Feuer beschäftigt sein, das wusste er.

In dem Moment in dem er hungrig den scharf-würzigen Honig der wütenden Elfen gekostete hatte, in dem Moment waren aus dem Getuschel, aus dem Rauschen und Knistern, das Staubfinger hörte, seit er denken konnte – da war aus all dem plötzlich Worte und Sätze entstanden. Das Feuer sprach mit ihm, heiß und hell und es schmerzte noch viel häufiger als zuvor, weil es sich so sehr freute. Es wollte ihm ständig nah sein, wenn er überhaupt nicht darauf vorbereitet war. Aber er verstand endlich. Er verstand auch, warum der Flammenfuchs ihm dies nicht hatte beibringen können, denn diesen Zauber hatte nur er, Staubfinger, entdeckt.

Heuschrecke umarmte auch den Schwarzen Prinzen, als er nicht minder verdreckt plötzlich vor ihr stand, wie auch Staubfinger es vor ein paar Tagen getan hatte. Dem Prinzen schien es allerdings unangenehmer zu sein als Staubfinger und so rannte er erst einmal zu Klingentanz, bevor auch noch Flickenfinger ihm die Leviten lesen konnte – auch der Schwarze Prinz hatte sich nicht häufig gewaschen in den letzten Tagen.

"Wo hast du den Bären her?“, fragte Staubfinger seinen Freund dann, als dieser mit ihnen allen zusammen und mit Brot, Ziegenkäse und Met im Mund am Lagerfeuer saß.

Der Bär hatte sich am Waldrand hingelegt und war seit dem letzten Stück Fleisch, das der Schwarze Prinz ihm gebracht hatte, nicht mehr aufgestanden. Die Spielleute beäugten ihn kritisch, teilweise auch noch ängstlich. Doch nachdem der Prinz ihm den Arm ins Maul gelegt hatte und nichts passiert war, schüttelten zwar noch viele den Kopf, waren aber nicht mehr annähernd so verstört wie am Morgen. Aber wie war dieser Bär zu ihm gekommen? Hatte er ihn angegriffen? Oder hatte der Prinz ihn vielleicht gestohlen? Aber wozu?

"Ich meine", ergänzte Staubfinger, "Zugelaufen ist er dir ja wohl nicht, oder?"

"Na ja", lachte der Schwarze Prinz. "Eigentlich wollte ich ihn nur freilassen, am Siechenhaus, ich war beim Schleierkauz. Da war ein Tierbändiger und der hat ihn nur geschlagen. Doch dann... Na ja, er hat mich nicht gehen lassen. Und ich fand's in Ordnung."

Es dauerte einen Moment, bis das gesackt war.

"Er hat dich nicht gehen lassen?“, fragte Heuschrecke, als Klingentanz begann, zu lachen. Der Schwarze Prinz druckste ein wenig herum, auch Wolkentänzer und Staubfinger mussten lachen.

„Also hat sich nicht der Prinz einen Bären, sondern dieser Bär hat sich einen Prinzen gefangen“, fasste Klingentanz die Geschichte grinsend zusammen.

"Und du warst auch weg?“, fragte der Schwarze Prinz dann Staubfinger. "Warum?"

Staubfinger schwieg.

"Auf dem Markt fing plötzlich eine Balustrade Feuer und die Leute wollten nicht nur ihm, sondern auch dem Flammenfuchs ans Leder", half Klingentanz aus. "Die beiden haben sich, schlau wie sie waren, schnell vom Acker gemacht."

"Es war alles ganz schön chaotisch", ergänzte Heuschrecke und lächelte Staubfinger zu.

"Wo der Flammenfuchs ist, weiß ich nicht", sagte Staubfinger dann. "Ich bin in den Wald gelaufen."

"Und dann?"

Alle sahen ihn forschend an. Hatte er noch nichts erzählt? Musste er jetzt? Sollte er von den Nymphen erzählen, die seine Hände geheilt hatten und von der brennenden Frau, die ihm auf dem Markt begegnet war? Von dem Honig, der ihn mit dem Feuer sprechen ließ?

"Nichts dann", entschied er. "Ich bin nach Westen, dann südlich. Habe mich verlaufen und bin umgekehrt. Da war nichts, nur Bäume."

Staubfinger wusste, dass er schlecht log, aber er wollte es für die Nymphen, für ihre Stille und Kälte dort im Weglosen Wald probieren. Hätte er es gewollte, hätte er wahrscheinlich sowieso nicht noch einmal zu ihnen gefunden. Er war tatsächlich nur in irgendeine Richtung gestolpert, als er den See verlassen hatte.

„Keine Geister? Keine Nachtmahre?“, fragte Klingentanz. Flickenfinger seufzte mittendrin, denn das waren nicht ihre Lieblingsgeschichten, wusste Staubfinger. „Keine Bären oder Füchse, böse Elfen vielleicht oder Kobolde?“

Staubfinger schüttelte den Kopf und dachte: „Stattdessen hab ich das Feuer mitgebracht. Ich muss es nur noch... Ich muss es nur noch davon überzeugen, mich nicht die ganze Zeit zu ärgern.“ Er beäugte das Lagerfeuer, das verheißungsvoll knisterte, abschätzend. Staubfinger verstand ganz genau. Es wollte spielen und zwar mit ihm. Er wollte aber sitzen, mit seinen Freunden, mit seiner Familie. Das würde es lernen müssen – dass Staubfinger es zwar in seinem Herzen trug, aber manchmal auch einfach ausruhen wollte.

„Keine Geschichte?“, sagte Klingentanz verwundert.

„Nur Feuer“, antwortete Staubfinger.

Wolkentänzer lächelte. „Willst du es uns zeigen?“ und Staubfinger antwortete, morgen, morgen. Das Lagerfeuer fauchte böse, aber Staubfinger ignorierte es.

„Dann wirst du wohl erzählen müssen“, lachte Flickenfinger und wies auf Klingentanz. „Aber bitte kein Mord und Totschlag, da steck’ ich mir in den Daumen bei.“

„Erzähl uns vom nächsten Markttag!“, forderte der Schwarze Prinz und auch Staubfinger fand die Idee gut.

Klingentanz hob die Augenbrauen. „Vom Markt könnt ihr erst einmal nur träumen. Dafür verschwende ich keine Wörter heute. Aber wann habe ich das letzte Mal von den Weißen Frauen erzählt? Wie sie den besten Feuerspucker des Landes für sich haben wollten? Und wenn ich mich richtig erinnere, hatte er einen Freund, einen ziemlich guten, und beide hatten lange Zeit in der Küche und im Tierstall zugebracht, bis eines Tages etwas sehr Unerwartetes geschah...“



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